AG Lager Sachsenhausen 1945-50 e.V.
16.09.2015, 20:22 Uhr
 
Wie ich es sah – eine subjektive Begegnung

Ein Raum in der Häftlingswäscherei im KZ Oranienburg, am Rande Stühle für die Zuschauer, Kissen für jüngere Anwesende direkt vor der Bühnenfläche, ein leerer Raum, ein breiter Vorhang als Projektionsfläche, ein Projektionsgerät, etwas seitlich: ein Schreibtisch…eine Lampe…Bücher…Hefte.

Der Projektor zeigt einen eine kurze Filmsequenz: einer junge Frau wird von älteren Familienmitgliedern ein Doppelzopf geflochten, sie orientieren sich an einem Bild der Oma der jungen Frau: mit dieser Haartracht sieht sie ihr verblüffend ähnlich, man fühlt, die junge Frau wird eins mit der Großmutter.

Ein schwarz gekleideter Körper: Unsere junge Tänzerin bewegt Gliedmaßen, Muskeln, Sehnen ohne sich wirklich zu entfalten, ohne in den Tanz, in ausgreifende Bewegung überzugehen: Etwas scheint sie zu begrenzen, einzuengen, ihr den Entfaltungsraum zu verweigern.

Längst ist klar: die junge Frau liebt den Tanz, will Tänzerin werden, ist es inzwischen, denkt aber an die Anfänge zurück: Sie musste dabei körperlich leiden, sie ist schon älter als 10 Jahre, alle Voraussetzungen für Figuren des klassischen Tanzes müssen sitzen, bisweilen eine Qual, aber ihr Wille setzte sich durch.

Sie erfährt, dass ihre Großmutter ebenfalls Tänzerin war, in einer Passage zur Musik Tschaikowskys erfühlt sie den Tanz der Großmutter, damals genauso jung, aber hinter Mauern, eingepfercht in einem Speziallager der sowjetischen Basatzer, die Passage bricht ab, ohne wirklich am Ende zu sein, die Großmutter wurde aus der Haft entlassen.

Das junge Mädchen stellt Fragen, sie vertieft sich in Bücher: Sie erfährt, dass die Großmutter  BdM-Führerin  in den Nazijahren war. Sie wollte zu gern Tänzerin werden, hatte dazu aber keine Möglichkeit. Der BdM bot ihr die Chance zum Tanzen. Das junge Mädchen forscht weiter: Sie liest Texte, die beweisen, dass es dem Regime nicht darum ging, jungen Mädchen einem Berufswunsch näherzubringen: Dein Körper gehört nicht Dir, er gehört dem ganzen Volk; du bist ein Teil dieses Volkes, gehst willenlos in ihm auf  usw.

Sie führt, welch hohen Preis die Großmutter hatte zahlen müssen. Sie forscht weiter: Nach 1045 von den Sowjets willkürlich zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, eingepfercht im ehemaligen, gerade wieder eröffneten KZ Oranienburg. Hunger, Isolation, Angst bestimmten den Alltag, brach vielen das Selbstbewusstsein, schickte sie in den sicheren Tod, die Namen von 12 000 Getöteten sprachen sie an. Die Großmutter hatte Glück: in ihrer Tanztruppe  zur Aufheiterung der sowjetischen Wachsoldaten war die Essensration etwas größer. Im Orchestergraben saßen bei Musik- und Tanzaufführungen Männer, Gefangene, die ein Instrument spielen konnten. Augenkontakte ließen sie einen Partner finden, aber als sie das Lager verlassen konnte, war für ihren späteren Mann die Haft noch nicht beendet. Sie ging noch weiter in einem Gefängnis der DDR.

Am Ende hat die junge Tänzerin sich ihren Weg erschlossen, den Weg zu ihrer Großmutter und hat damit für sich ein Stück deutscher Geschichte erfahrbar gemacht. Das Resultat: Nie wieder Inbesitznahme des Menschen durch eine staatliche Ideologie, nie wieder Willkür und Erniedrigung , Hunger, Folter und Tod. Aber auch: die praktizierte Kunst, egal ob Tanz, Malerei oder ein Gedicht, machen es ein kleines Stück leichter, dem Unmenschlichen die Stirn zu bieten, ja vielleicht sogar einer ausweglosen Situation zu entrinnen und zu überleben.

Fazit: Diese Tanzperformance zeigte einen Weg auf, wie ein junger Mensch Zugang zum Schicksal einer längt verstorbenen Verwandten, zu den Etappen ihres Lebens und damit zu erlebter Geschichte in Deutschland finden kann.

Es war ein gelungener Versuch.

Joachim Krüger, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-50 e.V.

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